Leben Sie in Ihren Erinnerungen!
Suchen Sie nach Bildern der Erinnerung, die Ihnen bewusst machen, wie sehr Sie sich geliebt haben. Lassen Sie sich von diesen Bildern forttragen in eine Welt der erlebten Gemeinsamkeit und spüren Sie, was Sie benötigen, um wieder Trost zu finden. Haben Sie den Mut, Ihre Trauer ganz zu erleben. Weinen Sie, wenn Sie weinen möchten. Lachen Sie, wenn Ihnen zum Lachen zumute ist, und schweigen Sie, wenn Ihnen die Worte fehlen. Erzählen Sie anderen von Ihren Erinnerungen und Erfahrungen, denn dadurch werden Sie durch die Trauer getragen. Versuchen Sie aber zu vermeiden, die Vergangenheit nur im Glanze erscheinen zu lassen. Dann verkehrt sich das Leben in eine Scheinwelt.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden,
aber mildert sie ab, wenn Sie sich genügend Zeit lassen zu trauern. Machen Sie sich selbst und anderen nichts vor. Erst wenn Sie die Trauer mit allen Gefühlsschwankungen, Enttäuschungen und Hoffnungen durchlitten und durchlebt haben, werden Sie die Narben spüren, die die Trauer und der Verlust bei Ihnen hinterlassen haben. Aber die Wunde wird nicht mehr offen sein, und man wird Sie nicht mehr schutzlos antreffen.

Keine Angst vor der Trauer anderer!
Setzen Sie sich nicht unter Druck, wie Sie Ihre Anteilnahme am besten ausdrucken sollen, wenn Sie einem Trauernden begegnen. Zeigen Sie Ihr Mitgefühl ganz einfach durch symbolisches Handeln: durch Umarmung, Weinen, Blumen, Nachfragen, praktische Hilfe. Wechseln Sie nicht die Straßenseite und schließen Sie nicht die Tür, wenn eine betroffene Person an Ihrer Wohnung vorbeigeht. Ein liebevolles Nicken, eine echte Nachfrage hilft dem Trauernden und gibt ihm das Gefühl, nicht isoliert zu sein.

Hören Sie zu und lassen Sie dem Trauernden seine Trauer!
Seien Sie ein aufmerksamer Zuhörer. Trauernde können schroff sein, ungastlich und unkontrolliert. Wenn der Trauernde Einladungen ausschlägt, undankbar gegen Gott und die Welt erscheint, nicht zuhören kann, dann vergeben Sie es ihm. Denn alles kreist um seinen Schmerz. Begegnen Sie dem Trauernden mit uneingeschränkter Geduld und lassen Sie ihm Zeit. Berichtigen Sie den Trauernden nicht, sondern fühlen Sie mit, auch wenn Ihnen manches unverständlich oder nicht nachvollziehbar erscheint. Trauer ist ein Ausnahmezustand. Die Zeit ist für den Trauernden kein fassbarer Begriff mehr. Er lebt in einem zeitlosen Raum, es scheint vieles nicht mehr für ihn wichtig zu sein. Ihre Erfahrungen und Kommentare sind für den Betroffenen selten hilfreich. Besserwisser und Experten sind hier fehl am Platz. Wenn Sie einem Trauernden einen Gefallen tun können, tun Sie es. Denn der praktische Alltag bereitet dem Trauernden Sorgen. Nehmen Sie ihm etwas ab, so kann er sich verstanden fühlen. Verzichten Sie auf Ausführungen oder Sätze wie z.B.: „Kopf hoch, es wird schon wieder!”, „Das Leben geht weiter!”, oder: „Niemandem wird etwas erspart!” Diese Sprüche helfen dem Trauernden nicht. Sie dienen allenfalls Ihrer eigenen Hilflosigkeit. Entdecken Sie stattdessen Ihre Gabe, liebevoll und einfühlsam zu sein.

Hartmut Kühl